Reisebereichte der VCH Akademie

Hier die Berichte der letzten Reisen und der Stadtgänge in Hamburg; weil es besser zu lesen ist, im pdf zum Herunterladen:

 

Stadtgang Fleetinsel Juli 2018

 

Dresden Mai 2018


Schubert Winterreise März 2018 

 

Stadtgang Heimfeld

 

Notizen zum 6. Syltsymposium, August 2017

 

Stadtgang Veddel

 

Mit Luther nach Gotha

 

Reise nach Worpswede

 

Seminarreise Brahms Requiem

 

Stadtgang Barmbek Nord

 

Leerstelle Gott: Bibliodramatage Gut Brook

 

Luther Musikseminar in Wittenberg

dazu passend: Luthers Musikwirkung; Hintergrund und Gedanken von Wolfgang Teichert: Luther: Musikwirkung

 

 

Pellworm: Rätsel Markusevangelium

 

Sommersymposium Sylt: Doch die Nähe bleibt dem Menschen am fernsten.“    Von Heimat und Fernweh

 

 

Der Rhein in Literatur, Kunst und Religion


Ginster auf Sylt Mai 2016


7. Stadtgang in Hamburg am 5. April 2016


 

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Kulturreise: Bocksbeutel, Main, Religion

Erkundungen einer Kulturlandschaft zwischen Main und Spessart

Einige Notizen

Text. Wolfgang Teichert. Fotos: Ulrike Hochrieser-Aurisch und Johanna von Wedel

Einen ausführlichen Reisebericht mit Fotos erhalten Sie hier zum herunterladen (pdf-Format) und nachlesen:

 

Reisebericht

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Grundbeziehungen europäischer Kultur:

Anerkennen, Gottesferne und Resonanz

3.Sommersymposion 2014 in Klappholttal (Sylt)

Montag 7.Juli bis Freitag 11.Juli 2014

Notizen zum Symposion/Wolfgang Teichert

Alle Fotos: Doris Schick

 

Einen ausführlichen Reisebericht mit schönen Fotos sowie die Referate erhalten Sie hier zum herunterladen (pdf-Format) und nachlesen:

Reisebericht

Referat Teichert

Referat Emrich

Referat Schäfer

 

 

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Deich, Dünen, Ebbe und Flut

Entdeckungsreise in den alten Uthlanden

18. bis 21. Mai

Notizen

Eingestimmt haben wir einander  durch eine kurze Vorstellung, in der zum Ausdruck gekommen ist, welche Beziehung zu Thema, Land, Meer und Leuten die Teilnehmenden mitbringen. Man fahre gern nach Sylt, liebe das Wasser, fahre Fahrrad, jeden Tag, auch gegen den Wind, habe beruflich mit dem Hafen zu tun und als Kind die große Sturmflut von 1962 erlebt. Das ist bei einem  Anderen auch heute das Motiv, zur freiwilligen Feuerwehr zu gehören. Jemand zieht es, obwohl am Rhein aufgewachsen, immer wieder hierher. Der Vater eines Teilnehmers war Kapitän, das Meer also ständig Thema, man liebe das Wattwandern , Nordfriesland mit seinen Himmeln eigne sich gut für Fotografie, denn man sehe nur, was man weiß, man wundere sich über die zeitweilige Abwesenheit des Meeres im Wattenmeer, und es sei lange her, als man zuletzt im Watt gelaufen sei und man schätze es, zwischen zwei so verschiedenen Meeren zu wohnen.

Und dann ging es los mit kleiner Zeitphilosophie, Geschichte der Uthlanden, Gänge auf die Halligen, Wattwandern bis an die Horizontgrenze(siehe oben das Photo von R.Pelka),Lectures über friesische Sprache, über Wahrnehmung, Absichtslosigkeit, und Gedicht. Tage kostbarer Lebenszeit, mit Lachen und Laufen, Laben und Loben.

Wolfgang Teichert begann mit einigen Bemerkungen zu unserem Zeiterleben(Ge(h)zheiten). Die Zeit „gehe“  in der Tat. Das könne man beobachten am unaufhörlichen Wechsel des Wasserstands, der als Flut und Ebbe bekannt ist. Immer wieder haben sich den Küstenbewohnern Parallelen aufgedrängt zwischen diesem Naturphänomen und den zeitlichen Wechselfällen ihres eigenen Lebens. Der Grenzsaum zwischen Meer und Land lade zu solch „kleiner Lebensphilosophie“ – ob bewusst oder unbewusst – ein. In dieser Gegend habe man sich, wenn man hier wohnen wolle, zunächst einmal schützen müssen gegen das Wasser, es wurde(siehe Schimmelreiter) als übermächtige Natur und keineswegs als Ferienparadies empfunden. Die Menschen brauchten viel Lebenszeit, klein und ohnmächtig wie sie sich fühlten, um sich durch technische Bauten und nicht nur durch Beschwörung und Gebet schützen konnten. Wahrscheinblich ist der Deich die „älteste Großtechnologie überhaupt“  Und so verdanken viele Kulturen, eben auch die Marsch hier, der Notwendigkeit, großräumige Wasserfluten zu bewältigen und zu bewirtschaften. Auf jeden Fall verrate der Rhythmus von Ebbe und Flut eine andere Form von Zeiterleben als die Uhrzeigerzeit(Chronologie).  Die führe dazu, dass wir keine"keine Zeit" zu haben meinen. Dabei ist unser Lebenszheit kurz und kostbar. Ein grundsätzliches Problem ist, dass die uns insgesamt zur Verfügung stehende Zeit individuell ist: Alle Leben sind unterschiedlich lang und niemand weiß, wie lang sein eigenes sein wird.. Bekannt iost die Beobachtung, dass jungen Leuten die vergehende und immer knapper werdende Zeit kaum bewusst ist. Aber nach dem 30., spätesten 40. Lebensjahr stellt sich, mehr oder weniger, der Gedanke daran ein.

Die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann veröffentlichte 1952 im Alter von 32 Jahren ihren Gedichtband "Die gestundete Zeit". Das Titelgedicht beginnt: "Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / Wird sichtbar am Horizont. / Bald musst du den Schuh schnüren..."."Was ist also Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht." - dies schrieb Kirchenvater Augustinus im 4. Jahrhundert über die Zeit.Der Römer Lucius Annaeus Seneca sah in der Lebenszeit ein mit dem Geld vergleichbares, aber eindeutig höheres Gut, nämlich das allerwertvollste von allen. Ihm fiel auf, wie achtlos die Menschen es für nichtige Dinge verschleudern, wie die Immer-Geschäftigen ihre Lebenszeit durch die Finger rinnen lassen, so dass das Leben für sie tatsächlich kurz ist, und zwar, weil sie es selber so kurz machen.

Der 1928 geborene Philosoph Odo Marquard (Gießen) findet es einerseits einleuchtend, dass die Menschen sich mit ihrem Schaffen beeilen, damit sie der Tod nicht "ereilt", ehe sie etwas Ordentliches zuwege gebracht haben. Andererseits scheint ihm manches dafür zu sprechen, einen "Sinn für Langsamkeit" zu entwickeln. Denn wie soll sich alltägliches Rennen und Hasten zeitlich auszahlen, wenn doch gewiss ist, dass der Tod immer noch schneller zur Stelle ist als fast alle gewünschten und geplanten Veränderungen. Erst mit Langsamkeiten gewinnen die Menschen Augenmaß für Veränderungen, die zugleich wünschenswert und erreichbar sind. Darum diesmal auch „Gehen“ , nicht Fahrrad fahren oder im Auto die ganze Zeit verbringen; Gehen übers Watt zum Beispiel und mit Rücksicht auf die Gezeiten. Man kann nicht aus der Zeit aussteigen, aber man kann gehend verweilen, so dass für Augenblicke unsere Aufgaben der Zukunft und die Last der Vergangenheit aus dem Blick treten: So können wir die dauernde Gegenwart  des Gehens als Glücksmoment intensiven Lebens erleben. Zeit ist also eine Qualität, die an unsere menschliche Wahrnehmung gebunden ist, prägt aber ihrerseits sehr wohl jede Art von menschlicher Erkenntnis und Weltgestaltung. G. Keller drückt dies in einem Gedicht so aus:

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Rainer Pelka begann sein Referat Von Blankem Hans und Deichbau: Wie Nordfriesland wurde, was es heute ist, mit der These: Die Geschichte Nordfrieslands ist eine Geschichte von Gewinn und Verlust.

Nordfriesland nämlich sei eine Region der besonderen Art. Das werde deutlich n der Art, wie der langjährige Kreispräsident Helmut Wree seinen Kreis vorstellte:“ Nordfriesland“, so pflegte er zu sagen, „ist der größte Kreis Deutschlands - zumindest bei Ebbe“. Das stimme, denn alle 12 Stunden bei Ebbe habe sich das Kreisgebiet von 2050 km um weitere 650 km Watt-Flächen auf insgesamt 2700 km vergrößert, allerdings sechs Stunden später bei Flut seien es dann wieder nur 2050 km. Früher sei das einmal anders gewesen, da seien diese weite Flächen auch bei Flut trockenes und fruchtbares Land  gewesen und  die Bauern, die diese Ländereien bearbeiteten, seien reich und so wichtig als Steuerzahler, dass die Landesherren in Kopenhagen und in Gottorf ihnen alle denkbaren Privilegien eingeräumt hätten, um sie bei Laune halten und weiter Steuern von ihnen kassieren zu können. Auch für die Kirche seien diese Bauern wichtig gewesen:  „Nicht nur, dass sie neben ihren Dorfkirchen große und repräsentative Kirchbauten finanzieren konnten wie die in Garding, auf Pellworm, in Nieblum auf Föhr und in Keitum auf Sylt, sie trugen mit ihren Abgaben auch wesentlich zur Finanzierung des Bischofssitzes in Schleswig bei, wie wir aus Klagen von Chorherren über die weggefallenen Einkünfte erschließen können, nachdem die Lande untergegangen waren“.

Wie kam es zum Untergang? Das sei eine Entwicklung, die weit in die Vorgeschichte dieses Landes zurückreiche. Sie sei aber erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Archäologen und Geologen erhellt worden. Gründe seien demnach  sowohl die Klimaentwicklung der vergangenen 200.000 Jahre (!) als auch menschliches Zutun: Denn Schleswig-Holstein, sowie wir es heute kennten, sei das Überbleibsel aus einer Reihe von Eiszeiten, die den Norden Europas überzogen haben.  Für unser Thema interessant seien die vergangenen 4000 Jahre, in denen der rapide Meeresspiegelanstieg der ersten 8000 Jahre weitgehend abgebremst war und nur noch in Dimensionen von 6 bis 8 m schwankte. Dieses Schwanken des Meeresspiegels im Zusammenspiel mit Ebbe und Flut und dem wirtschaftlichen Interesse des Menschen am Meersalz habe schließlich zur Bildung der Landflächen im heutigen Wattenmeer und auch zu ihrem späteren Untergang geführt.

Herr Pelka schilderte dann wie durch den Wechsel von Ebbe und Flut, die Täler und Niederungen der Moränenlandschaft zwischen den Inseln mit feinem Sand und Ton aufgefüllt worden seien. Parallel dazu habe Brandung an der Westseite der Geest-Inseln dazu geführt, dass sich Kliffs bildeten, von denen der Sand in Form von Nehrungen nach rechts und links abtransportiert wurde. Zusammen mit dem vorherrschenden Westwind sei daraus eine Sand- und Dünen-Barriere entstanden, deren Reste heute noch in den Dünenhaken von Sylt, den großen Sandbänken an der Westseite des Wattenmeeres und den Sandbänken vor und auf Eiderstedt erhalten sind. Diese Dünen-Barriere habe den Bereich des heutigen Wattenmeeres gegen den Einfluss der Nordsee abgeriegelt. Aber: Wo kein Wasser hinein käme, komme auch kein Wasser heraus. Als um800 nach Christie Geburt der Meeresspiegel wieder leicht anstieg und insbesondere bei Sturmfluten das Moorland immer öfter überspülen seien Durchbrüche durch die Dünenkette an den Stellen entstanden, an denen auch heute noch die großen Wattströme laufen.

Das  Ergebnis dieser Entwicklung sei gewesen,  dass sich der Moorboden mit Salzwasser voll saugte und  dass sich auf dem nun stark salzhaltigen Moorboden im Bereich des heutigen Wattenmeeres eine zunehmend dicker werdende Kleie-Schicht abgelagerte, also jener Boden-Typ, der die Grundlage für die Fruchtbarkeit der Marsch bilde. Etwa zur gleichen Zeit seien in zwei Siedlungsschüben von Westen her friesische Bauern ins Land gekommen, die aus ihrer Heimat das Know-how mitbrachten, mit einer solchen exponierten Landschaft zwischen Nordsee und Moor umzugehen. „Sie bauten ihre Bauernhöfe auf den erhöhten Strandwällen, anfangs zu ebener Erde, später auf zunehmend höher aufgeworfenen Warften. Sie brachten auch das Know-how mit, Deiche zu bauen und gleichzeitig Siele, damit das Wasser aus dem Binnenland bei Ebbe ablaufen konnte, ohne dass bei Flut und insbesondere bei Sturmflut das fruchtbare Land überschwemmt wurde. So bildete sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters ein - für damalige Verhältnisse - reiches Land heraus, das nicht nur kleine Dorfkirchen aus Stein finanzieren konnte, während anderswo die Kirche noch aus Holz gebaut wurden, sondern auch repräsentative Bauten wie die von Garding, Pellworm, Nieblum und Keitum. Die  Menschen dort seien für damaligen Verhältnisse richtig reich. Dann aber seien  bei der zweiten „Marcellusflut“ (die erste wird auf das Jahr 1251 datiert) bei der ersten großen „Manndränke“ 100.000 Menschen umgekommen sein, eine Zahl, die jedoch wahrscheinlich übertrieben ist und eher symbolischen Charakter habe. Sichersei, dass bei dieser Flut weite Bereiche des nordfriesischen Kulturlandes überschwemmt wurden und dass eine große Zahl von Menschen umgekommen sei. Ganze Dörfer seien verwüstet worden; der berühmteste dieser Orte, die der Großen Manndränke zum Opfer gefallen sind, sei das sagenumwobene Rungholt,  das man gelegentlich auch das Atlantis des Nordens nenne, weil es bis vor wenigen Jahren nur aus Sagen und unzuverlässigen Chronik-Aufzeichnungen bekannt war. Erst vor wenigen Jahren habe der Niebüller Forscher Albert Panten im Hamburger Staatsarchiv einen Beweis dafür gefunden, dass es dieses Rungholt tatsächlich gab und dass es wohl südwestlich vom heutigen Nordstrand lag, wo man es schon seit längerem vermutet hatte. Gelegentlich, wenn sich in der Dynamik des Wattenmeers der Verlauf von Prielen verändert, erschienen auch heute noch Spuren dieser alten Besiedelung im Watt, bis sie dann in wenigen Tagen, spätestens Wochen wieder weggespült sind.  Das alte Kulturland war nach dieser großen Sturmflut ungeschützt und sei immer wieder von der Nordsee überspült worden. „Jede Flut lagerte eine neue Schicht von Sedimenten auf dem ehemaligen Kulturland ab, so wuchs es langsam auf und entwickelte sich zu dem, was wir heute als Halligboden kennen.“

Damit habe ein neuer Abschnitt in der Landschaftsentwicklung Nordfrieslands begonnen, bei dem nun auch die Menschen und ihr Eingriff in die Natur mit eine Rolle spielen. Es ging um die Salzgewinnung, die das Referat  mit Filmausschnitten dokumentierte. Effekt jedenfalls dieses Salzabbaus sei gewesen, dass die Nordfriesen ihr Land vom späten Mittelalter bis in die Neuzeit hinein um 1,00 m bis 2,00 m tiefer gruben mit verheerenden Folgen. „ Wo früher Hallig-Land war, dass nur gelegentlich bei hohen Fluten überschwemmt wurde, entstanden jetzt reguläre Watt-Flächen, die täglich zweimal der Erosion von Ebbe und Flut ausgesetzt waren. Damit entfiel auch die Schutz-Funktion, die die Hallig-Flächen bei Sturmfluten für die Deiche der Inseln und der Festlandsküste hatten. Die Friesen mussten ihre Deiche immer höher bauen, um weiterhin Schutz vor Sturmfluten zu haben. Die nächste Katastrophe war nur noch eine Frage der Zeit, und diese Zeit kam im Jahr 1634.“

Pest und Kriegszeiten hatten die Deichpflege vernachlässigen lassen: „ Da entwickelte sich in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634 ein Orkan, der Nordfriesland mit voller Macht traf. Die Flut ist als die Burchadiflut oder die Zweite Große Manndränke in die Geschichte Nordfriesland eingegangen. Die Deiche brachen in dieser Nacht gleich an mehreren hundert Stellen.  Allein auf der Insel Strand kamen durch 44 Deichbrüche mindestens 6.123 Menschen um, das entsprach etwa zwei Drittel der Inselbevölkerung.  Die Schätzungen zu den Opferzahlen insgesamt schwanken zwischen 8.000 und 15.000. Davon sind 8.000 einheimische Opfer durch zeitgenössische Quellen und den Vergleich mit Einwohnerregistern gesichert.“  Die tatsächliche Zahl habe wahrscheinlich deutlich höhe gelegen, so Herr Pelka,, da laut Anton Heimreichs Nordfriesischer Chronik zu dieser Zeit „viele fremde Drescher und Arbeitsleute im Lande gewesen, von deren Anzahl man so eben keine Gewissheit hat haben können". 50.000 Stück Vieh habe das Wasser verschlungen, 1.300 Häuser und 30 Mühlen seien zerstört gewesen; alle 21 Kirchen auf Strand wurden schwer beschädigt, 17 davon völlig zerstört. Fast der gesamte frisch abgeerntete Jahresertrag der Felder sei verloren gewesen.  Die Insel Strand wurde in die Inseln Nordstrand und Pellworm sowie die Halligen Südfall und Nordstrandischmoor zerrissen, die Halligen Nübbel und Nieland versanken im Meer.

Nach der Flut von 1634 sei in Nordfriesland in etwa das Landschaftsbild entstanden, das wir auch heute kennen: da seien zum einen die drei großen Geest-Inseln Amrum, Föhr und Sylt; dann die beiden großen Marsch-Inseln Pellworm und Nordstrand, die nach der Flut von 1634 durch Eindeichungen und neue Köge gefestigt seien; und zusätzlich eine Reihe von unbefestigten Halligen, die zum größten Teil zwischen den beiden großen Marschinseln und den Geestinseln liegen.“ Wenn man sich nun frage, wieso das Landschaftsbild in Nordfriesland so ist und nicht anders, warum zum Beispiel die große Insel Strand der Jahre zwischen 1362 und 1634 nicht erhalten geblieben seui, dann komme man zu einem überraschenden Ergebnis, wie Geologen in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch eine Vielzahl von Bohrungen im Wattenmeer, auf den Inseln und auf den Halligen herausgefunden haben: „Der Verlauf der heutigen großen Wattströme, ist weit gehend identisch mit dem Verlauf der Flusstäler in der Zeit der vorletzten Eiszeit, also jener Flusstäler der Weichsel-Kaltzeit, die in der Zeit vor 5.000 bis 3.000 Jahren von Ebbe und Flut mit angeschwemmt Material aufgefüllt wurden. Offensichtlich war - und ist - dieses Material nicht so hart und widerstandsfähig wie der gewachsene Boden aus der vorletzten Eiszeit und wird durch die Dynamik von Ebbe und Flut sowie die Sturmfluten zuerst ausgewaschen.“

Es komme ein Prozess in Gang, der sich selbst verstärkt: Wo erst einmal ein kleiner Priel sei, werde er durch das dauernde Ein- und Ausströmen von Ebbe und Flut und insbesondere durch die hoch auflaufenden Sturmfluten schnell vergrößert und vertieft.  Umgekehrt lägen die Inseln und Halligen dort, wo auch früher schon Erhöhungen und der Hügel waren und das gelte nicht nur  für die drei Geest-Inseln: „ Für Pellworm ist zum Beispiel geologisch nachgewiesen, dass hier der gewachsene Boden der vorletzten Eiszeit sehr viel dichter unter der heutigen Marschoberfläche liegt als im umliegenden Wattenmeer und im Bereich der Norderhever zwischen Pellworm und Nordstrand.“  Das erkläre einerseits den Zerfall der alten Insel Strand, andererseits die heutige Lange der Marschinsel und Halligen, die der Dynamik von Ebbe, Flut und Sturmflut widerstanden hätten.

Zusammenfassend könne man sagen:  Der Untergang der Lande in Nordfriesland sei eine Kombination von  geologischen Gegebenheiten, Veränderungen des Meeresspiegels und des Klimas, sowie der Landschaftsveränderung durch die Salzgewinnung im späten Mittelalter und der anbrechenden Neuzeit. Dieser Prozess gehe weiter in dem Material Richtung Küste transportiert werde und sich dort ablagere. Man deiche weiter ein ( Köge), aber es gebe heute  keine Landgewinnung mehr für wirtschaftliche Zwecke. Nordfriesland also sei keine  Naturlandschaft, sondern eine vom Menschen mit geschaffenen Kulturlandschaft mit  Wattenmeer als Nationalpark, Weltnaturerbe.

Detlev Liliencron

Trutz blanker Hans(morgens gelesen)

Heute bin ich über Rungholt gefahren,

die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.

Noch schlagen die Wellen da wild und empört

wie damals, als sie die Marschen zerstört.

Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,

aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:

Trutz, Blanke Hans!

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,

liegen die friesischen Inseln im Frieden,

und Zeugen weltenvernichtender Wut,

taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.

Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,

der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.

Trutz, Blanke Hans!

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde

ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.

Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,

die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.

Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen

und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.

Trutz, Blanke Hans!

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen

die Kiemen gewaltige Wassermassen.

Dann holt das Untier tiefer Atem ein

und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.

Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,

viel reiche Länder und Städte versinken.

Trutz, Blanke Hans!

Rungholt ist reich und wird immer reicher,

kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.

Wie zur Blütezeit im alten Rom

staut hier alltäglich der Menschenstrom.

Die Sänften tragen Syrer und Mohren,

mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.

Trutz, Blanke Hans!

Auf allen Märkten, auf allen Gassen

lärmende Leute, betrunkene Massen.

Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:

"Wir trutzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich !"

Und wie sie drohend die Fäuste ballen,

zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.

Trutz, Blanke Hans!

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,

der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen,

der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,

belächelt den protzigen Rungholter Wahn.

Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen

das schlafende Meer wie Stahl, der geschliffen
das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen". (1)

Trutz, Blanke Hans!

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.

Plötzlich, wie Ruf eines Raubtiers in Banden:

das Scheusal wälzte sich, atmete tief

und schloß die Augen wieder und schlief.

Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen

kommen wie rasende Rosse geflogen.

Trutz, Blanke Hans!

Ein einziger Schrei- die Stadt ist versunken,

und Hunderttausende sind ertrunken.

Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,

schwamm andern Tags der stumme Fisch.---

Heut bin ich über Rungholt gefahren,

die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.

Trutz, Blanke Hans!

Hallig Hooge

Auf Hallig Hooge, einer Marschinsel im Watt, knapp über dem Meeres spiegel und darum von der Nordsee um- und manchmal sogar überspült , ticken die Uhren anders. Auf dem Postkasten steht als Zeit der Leerung: „Tidenabhängig“.  Im Gegensatz zu einer Insel gehört es zur Natur von Hallig Hooge, das das Land mehrmals jährlich - meist im Winterhalbjahr - von der Nordsee überflutet wird. Während eines solchen “Landunters“ ragen nur die Warften aus dem Wasser. Sie sind künstlich aufgeworfene Erdhügel, auf denen die Häuser der Halligbewohner erbaut wurden. Zwar besitzt Hallig Hooge einen sogenannten Sommerdeich, ab einem Wasserstand von ca. 1,50m über dem mittleren Tidenhochwasser wird er jedoch überflutet

Jetzt kann man sich das nicht vorstellen: Friedlich grasende  Kühe auf der Insel, die Niko Petersen ausgeliehen hat von Frühjahr bis Herbst an seinen Kollegen auf Hooge. Aber zahlreicher sind die Ringelgänse. Bis zu 18000 liegen hier im Mai ihren Zwischenstopp ein ehe sie weiterfliegen „nach Siberien“.

Unsere Route berührt einige Warften. Es fällt das Wort „Pesel“, genauer „Königspesel“. Pesel, die gute Stube. Der Pesel wurde nur zu besonderen Anlässen (Feste, Besuche) genutzt und daher gab es daneben noch die als täglichen Aufenthaltsraum genutzte Döns. Im Gegensatz zum Döns, der mit einem einem Bilegger beheizt werden konnte, galt der unbeheizte Pesel früher als 'kalte Pracht'; heute ist der Königspesel ein kleines Museum. Und wenn Herr Pelka nicht gewarnt hätte, dann wären wir beim Kaffeabschluss auf der Terrasse des Friesenpesels, nahe beim Anleger, doch sehr erstaunt gewesen über Ton und  Haltung der Bedienung. So aber entsprach das „Exemplar“ exakt der vorhergegangenen Beschreibung. Einem von uns gelang es sogar, dieser Friesin beim Servieren der Friesentorte ein Lächeln zu entlocken!

Abends dann Antje Christine Arfsen über: Was hat es auf sich mit den
Friesen und ihrer Sprache? Von großer Bedeutung für die Pflege, Förderung und Erforschung der friesischen Sprache, Kultur und Geschichte ist das "Nordfriisk Instituut" in Bredstedt als zentrale wissenschaftliche Einrichtung in Nordfriesland. Es ist vor allem auf den Gebieten Sprache, Geschichte und Landeskunde Nordfrieslands wissenschaftlich und publizistisch tätig. Das Institut unterhält eine Fachbibliothek und ein Archiv und bietet Seminare, Kurse, Arbeitsgruppen und Vortragsveranstaltungen an. Es wird getragen von dem etwa 850 Mitglieder zählenden Verein Nordfriesisches Institut und insbesondere von staatlicher und kommunaler Seite finanziert.

Sprachliches Beispiel: Was ist zum Beispiel ein knif? Ist es ein Messer,eine Untertasse, eine Brille oder eine Schere? Wer das englische knife oder das dänische kniv kennt, wird schnell das Messer die richtige Antwort finden. Wir erfuhren, was die Friesen sagen und warum sie es so sagen. Woher kommen die Friesen? Die Wurzeln der Friesen verlieren sich irgendwo im Dunkeln der Geschichte. Sie wohnen "seit eh und je an der südlichen Nordseeküste".. Die römischen Autoren Plinius und Tacitus berichteten zuerst vom Volk der Friesen, möglicherweise ursprünglich ein nichtgermanisches Volk . Erst im Laufe der Jahrhunderte wurden sie teils selbst germanisiert, oder sie haben ihre eingedrungenen germanischen Mitbewohner auch "frisiiert". Heute leben die meisten Friesen, etwa eine halbe Million, in Westfriesland in der Niederlanden. Etwa 400.000 Menschen sprechen dort friesich. In Schleswig-Holstein leben 50.000 Nordfriesen im friesischen Wohngebiet, das aus sechs Inseln und zehn Halligen sowie einem Küstenstreifen auf dem Festland zwischen dem Fluß Eider und der Wiedau an der heutigen deutsch-dänischen Grenze. Im 17. und 18. Jahrhundert bescherte die Seefahrt besonders den Friesen auf den Nordfriesischen Inseln ihre eigentliche wirtschaftliche Blütezeit. Hier fuhr fast die gesamte männliche Bevölkerung zur See, um sich ihr Einkommen durch Walfang und Robbenschlag im Nordmeer oder auch nur durch die  Handelsfahrt zu verdienen. Die Schiffe, die von Hamburg, den Niederlanden oder Kopenhagen aus in See stachen, waren überwiegend mit Föhrern, Syltern, Amrumern und Halligleuten besetzt. Die Küstenfischerei spielte damals noch keine Rolle. Nur für den Eigenbedarf wurden "Porren", Plattfischen Aale und andere Köstlichkeiten aus dem Wattenmer oder in den Binnengewässern gefangen. Der eigentliche Krabbenfang in Tönning oder Husum zum Beispiel wurde erst in großem Umfang gewerbsmäßig betrieben werden, als die Erschließung der Verkehrswege, vor allem die Eisenbahn für einen schnellen Transport in die Ballungsgebiete sorgte.

Oland, zu Fuß, übers Watt, von Dagebüll aus. Mit Anne Segebade. Sie sei verständlich, anschaulich, unterhaltsam und sachkundig, verrät ihre Homepage. Na denn. Eine Forke zum Wattwurmausbuddeln drückte sie gleich „einem der Männer“ in die Hand. „Ich bin Nationalparkpark-Partner geworden,“ sagt sie, “ weil es für mich eine Ehre ist, Botschafterin für diese weltweit einmalige Natur- und Kulturlandschaft zu sein.“. Sie zeigt auf ihren mitgebfachten Hund. Botschaftsbegleitung. Barfuß geht es los. Die es mit Gummistiefeln versuchten, „ stiefelten“ auf dem Rückweg auch barfuß. Schönstes Wetter. Friesische Riviera eben, wie der Prospekt es nicht besser zeigen kann.

 In der weiten Ferne Oland. In der Nähe der Wattwurm, dies unterschätzte Tier, das die „Drecksarbeit“ im Watt macht, sagt Anne Segebade.  Denn Wattwürmer graben jedes Jahr einmal das komplette Nordsee-Watt um. Damit schaffen die Sandfresser die Lebensgrundlage für andere Meeresbewohner. Selbst mit viel gutem Willen kann der Wattwurm nicht als besonders ansehnlicher Zeitgenosse bezeichnet werden, finden wir. Das vordere Ende des etwa 30 bis 40 Zentimeter langen Tieres ist fingerdick, es verjüngt sich zum Schwanz hin. Um Sand aufnehmen zu können, hat der braun bis schwarz gefärbte Wattwurm am Kopfende einen ausstülpbaren Rüssel. An der Mitte seines Körpers sitzen paarweise grellrote Kiemenbüschel. Ob er wohl weiß, dass er optisch kein Genuss ist? Man könnte es glauben, denn an der Bodenoberfläche lässt sich Arenicola marina fast nie Blicken. Wir buddeln: Sein Zuhause ist ein U. Genau genommen eine U-förmige Röhre im sandigen Wattboden. Er lebt dort in etwa 20 Zentimeter Tiefe und liegt meist waagerecht in seiner Wohnröhre. Die Innenwände hat er mit ein bisschen Schleim verklebt, damit sie nicht permanent zusammenstürzen. Mit winzigen wellenartigen Bewegungen sorgt der Vielborster dafür , dass stetig Wasser durch die Röhre fließt – von hinten nach vorne. Dabei filtert der Sand Nährstoffe – also Bakterien, Pflanzenreste oder Algen – aus dem Wasser und der Wurm bekommt frischen Sauerstoff, den er mit den Kiemenbüscheln aufnimmt. Seinen Kopf hat er vorne am senkrechten Gang positioniert, wo er mit dem Rüssel den Sand aufnimmt, der nach unten rieselt. Während der Wattwurm mümmelt, bildet sich oben, am Ausgang der Röhre, ein für alle Wattwanderer sichtbares kleines Loch: der Fresstrichter. Der Wattwurmdarm füllt sich nun langsam mit Sand und ist nach etwa 30 bis 45 Minuten voll. Und nun? Wohin damit? Der Ringelwurm hat – natürlich – vorgesorgt und legt den Rückwärtsgang ein. Mit dem Schwanz voran kriecht er das Ausscheiderohr seiner U-Behausung hoch und drückt, kurz unter der Oberfläche angekommen, den Sand nach oben. Dabei entstehen die für das Watt so typischen kleinen Spaghetti-Häufchen: Wattwurmkacke, soll aber besser riechen, als der übrige Wattsand!.

Vorher hatten wir noch die kleine Strandschnecke in die Hand bekommen: Wenn ihr Lebensraum bei Ebbe trocken fällt, verkriecht sich die Strandschnecke in feuchte Löcher oder Spalten. Bei einer längeren Trockenzeit kann sie ihr Gehäuse verschließen. Je nach Temperatur kann sie so bis zu 20 Tage überstehen, ohne Schaden zu nehmen. Wenn man sie in der Hand wiegt, „denkt“ das Tier, Wasser und Welle kommen, und sie kriecht aus ihrem Gehäuse heraus. Bei einigen klappt das sogar. Das Wasser läuft ab, wir halten schräg nach rechts auf die Hallig zu. Rasten rechts von der Hallig. Eine Lorenbahn von Langeness fährt vorbei. Hält nicht für uns. Auf der Hallig ist jedenfalls die Gastwirtschaft "Kiek in" geschlossen. Der Wirt liegt im Liegestuhl vorm Haus. Kein Geschäft, kein Verein, nichts also hält davon ab, auf kürzestem Wegwieder umzukehren. "Hier wohnt niemand weiter als 100 Meter vom Friedhof entfernt", heißt es in der Eigenwerbung von Oland.  Man macht sich Sorgeh hier, dass die Bevölkerung zu klein wird. Die alten Halligleute gibt es kaum noch, und die Neuen sind von weit her. "Die verstehen uns nicht so." Lachen nicht über dieselben Dinge. "Die gucken einen an und wissen nicht, wie’s gemeint ist.", sagt Anne Segebade. Sie fährt fort: „Kaufen Häuser und kommen nur am Wochenende. Wollen alles verändern, obwohl das meiste doch sowieso nicht zu ändern ist.“ "Eine große Zufriedenheit mit dem Leben müsses man schon haben", sagt sie jund da sin d wir bereits in der Kirche von Oland, zhuerst  kurz nach der Katastrophenflut von 1362 erwähnt.. Oland war nun eine Hallig. Jedoch hat die Gemeinde im Gegensatz zu vielen anderen nicht ihre Kirche verloren. Die Kirche befand sich zu dieser Zeit auf der Knudswarft. Sie war nur ein bescheidener Holzbau. Wegen Baufälligkeit wurde die Holzkirche Anfang des 18. Jahrhunderts abgetragen und 1709 ebenfalls auf der Knudswarft durch einen steinernen Kirchenbau ersetzt. Nicht einmal hundert Jahre später lag Knudswarft jedoch bereits so nah am Halligabbruch, dass die Kirche 1824 auf die weiter im Westen gelegene große Oländer Warft versetzt wurde, auf der sie bis heute steht.

Die neue Kirche entstand als backsteinerner Saalbau mit Reetdach. Die Giebel sind mit Brettern verschalt. Die Nordtür ist zugemauert. An der Südtür findet man oberhalb die Bauinschrift aus dem Jahre 1709.

Wir lesen im Prospekt: Das älteste Stück im Innenraum ist die schlichte romanische Taufe aus dem 12. bis.13. Jahrhundert. Über der Taufe hängt an der Nordwand ein Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert. Ebenfalls an der Nordwand ein Apostelfries aus dem frühen 15. Jahrhundert. Er besteht aus einem sitzenden Christus und 12 Figuren, eine 13. Figur, der Apostel Petrus befindet sich an der Nordwand neben dem Altar. Die Figuren stammen vermutlich aus zwei in der Flut von 1634 versunkenen Kirchen. Hauptthemen der Reliefschnitzerei an der Kanzel von 1620: Sündenfall, die Geburt Jesu und das Jüngste Gericht. Das waren offenbar die Themen! An der Decke der Oländer Kirche hängt, wie in Halligkirchen üblich, ein Votivschiff. Es handelt sich um ein dänisches Kriegsschiff von 1733 mit dem Namen Olandts Wolfahr. Ebenfalls an der Nordwand befindet sich das Epitaph für den Schiffer Ipke Paulsen, der uns auch den Bericht über seine Entführung durch die Barbaresken-Piraten hinterließ. Das Epitaph zeigt die fünfzehnköpfige Familie des Stifters, sie knien alle vor dem gekreuzigten Christus. Einige Familienmitglieder waren zum der Zeit als das Bild fertig wurde bereits verstorben, eine kleines Kreuz über ihren Köpfen symbolisiert dies. Man vergisst die Toten eben nicht. Wir sparen uns die genau Geschichte von Kapitän Ipke Paulsen .

Und nun zurück zum Festland, wieder zu Fuß. Das wird anstrengender als wir gedacht haben, zumal das Wasser trotz des sehr günstigen Wetters schnell aufläuft. Aber die Älteren unter uns machen es vor. Sie schaffen es, ohne Ausrutscher auf dem glitschigen Schlick wieder an das Dagebüller Ufer zu gelangen. Gefühlt  gegangene 18Kilometer!

Kleine Meditation über das Verhältnis von Lebenden und Toten, angesichts der Gänge über die Friedhöfe in die Hallig – oder Inselkirchen.(Wolfgang Teichert)

Ob auf Föhr oder auf Hallig Hooge oder auf Hallig Oland: Um zur Kirche zu gelangen muss man erst einen Garten durchschreiten, den „Kirchhof“, wie man hier sagt. Gut geharkte Wege führen durch die großen und kleinen Steine der Gräber. Ganze Bildergeschichten haben wir hier zu sehen bekommen, besonders in Nieblum. An ihnen also muss man  vorbei, muss diesen einen kleinen Weg machen durch den Gräberring rund um die Kirche. Also zuerst über den Friedhof, dann erst in die Kirche.

Und noch ehe ich begann – später als erwachsener Mann und Theologe – darüber nachzudenken, war mir klar: Die Kirche, die Lebenden, die Orte der Menschen sind von einem Ring von Toten, von Ahnen  umgeben.

Und deshalb konnte ich mich später nie mit  Sigmund Freuds These zum Tod anfreunden. Er redet von Toten,  von „Objekten“. Und diesen Objekten sollte ich langsam meine Liebe – er sagt Libido – entziehen, wenn sie gestorben sind.

Spätestens seit dem Tod meiner kleinen Tochter weiß ich, was ich jetzt wieder auf den Halligen gefühlt habe: Die Toten umgeben mich, wie der Friedhof die Kirche. Die Toten bleiben intime Ergänzer für mein Leben. Ich habe sie überlebt, ich bin also auch gezeichnet durch den Verlust von denen, die nicht ersetzbar sind in meinem Leben. Und vielleicht bin ich erst dadurch zu einem  - wie man heute sagt – autonomen Individuum geworden, zu einem reiferen Menschen würde ich lieber sagen, weil ich eben gezeichnet bin durch das Verschwinden meines unersetzlichen  Kindes? Das umgibt mich, wie der Kirchhof die Halligkirche. Die Lebenden als die Zurückbleibenden sind umgeben von einem Ring der Verschwundenen, der Toten, ein „zweiter Ring um die Sphäre der Lebenden“, wie ein Philosoph unserer Tage sagt. Trauer ist also – so erlebt – nichts anderes als eine Art Umzug: Aus der Kirche auf den Friedhof, aus dem Leben in diesen Nähe Ring. Trauer ist der Kompromiss zwischen dem Kummer über die endgültige Entfernung zu den Verstorbenen und dem Wunsch, sie in einer anderen Form von Nähe da zu behalten.

Zuletzt Föhr:

Die Route führt von Wyk(Strandpromenade) nach Nieblum (Friesendom) und von dort nach Alkersum(Museum der Westküste) und von dort zurück mit dem Bus direkt zum Fähranleger, wo es eine heiße Suppe gibt und wohl auch ein Würstchen.

Gestartet am Fähranleger  gehen wir durch den Ort Wyk, dem nicht mehr anzusehen ist, dass hier einst nur wenigen Häusern gestanden haben, deren Bewohner in der Hauptsache vom Fischfang lebten. Es ist ein mondäner Badeort geworden. Bereits in der sogenannten "Königszeit" in den Jahren 1842 bis 1847 erlebte Wyk, wie Herr Pelka an verschiedenen Stellen berichtete, durch die Sommeraufenthalte des dänischen Königs Christian VIII eine besondere Blütezeit.1857 wurde die Stadt von einer großen Feuersbrunst heimgesucht, welche die Hälfte der Stadt zu einem Schutthaufen verwandelte und 118 Familien obdachlos werden ließ. Ein zweiter Großbrand im Jahre 1869 zerstörte auch die zwölf Jahre zuvor verschonten Gebäude. Diese Brände führten zur Bildung der Freiwilligen Feuerwehr Wyk am 7. November 1878.Sieben Jahre später wurde die Wyker Dampfschiffs-Reederei gegründet, die heute mit ihrem modernen Schiffspark die größte Reederei an der schleswig-holsteinischen Westküste und gleichzeitig der größte Arbeitgeber der Insel Föhr ist.Im Jahre 1898 wurde am damals noch nicht bewohnten Südstrand das Nordsee-Sanatorium errichtet, dem bald weitere Bauten folgten. Es entstand eine große Parkanlage, der sich in späteren Jahrzehnten große Baumanpflanzungen in allen Teilen der Stadt anschlossen und den Ruf Föhrs als "grüne Insel" festigten.. In den Jahren 1945 bis 1947 fanden viele Vertriebene aus den Ostgebieten in Wyk eine - oftmals nicht nur vorübergehende -Zuflucht.

In den Zeiten des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwunges nach dem 2. Weltkrieg wurden von der Stadt und privater Seite hohe finanzielle Investitionen getätigt, um das Nordseeheilbad im Wettbewerb umliegender Bäder konkurrenzfähig zu halten. Anfang der siebziger Jahre wurde das Kurmittelhaus erweitert und ein Meerwasserhallenbrandungsbad errichtet. Dieses wurde im Jahre 1995 durch den Neubau des Familienbades.Am Ende der Badestraße eröffnet sich uns ein einzigartiger Blick auf die Hallig Langeness. Wir gehen vorbei an  hübschen Friesenhäusern der Kapitäne und gelangen nach Nieblum mit seinem „Friesendom“, der Kirche St. Johannis (13. Jh.). Natürlich probieren wir die Akustik aus, nachdem wir vorher die „sprechenden“ Grabsteine angeschaut haben. Die heißen so,  weil auf ihnen die Lebensgeschichten der Verstorbenen erzählt werden, die oft als Walfänger zur See gefahren sind oder als Müller in einer Mühle gearbeitet haben. Oft ist auch das Schiff, ein Anker oder eine Mühle symbolhaft abgebildet. Herr Pelka weist auf die Blumensymbolik hin, aus der genau zu ersehen ist, wie viele Kinder ein Paar gehabt hat und welche noch leben. Der Weg durch Wiesen geht dann nach Alkersum. Hier steht erst einmal Grethjens Gasthof, von der ein Bild an der Wand hängt, eine Husumerin, die En de des 19.Jahrhunderts hierher geheiratet hatDer Gasthof war dank Grethjens positiver Einstellung zum Wagnis Kunst auch Treffpunkt und Herberge verschiedener Künstler, die auf Föhr wirkten. Einer der bekanntesten Gäste war der Berliner Maler Otto H. Engel (1866-1949). Und von dem finden wir eine Ausstellung im dabei gelegenen Museum „Kunst der Westküste“.

Der um die vorige Jahrhundertwende hier tätige Maler wirkt heute wie jemand, der das Föhrer Leben, besonders das der Mädchen und Kinder, dokumentiert, aber auch die Rituale bei Beerdigungen finden auf seinen Bildern lebhaftesten Ausdruck. Man fühlt sich in die Zeit unserer Urgroßeltern  versetzt, nicht ohne Wehmut.

Sich-gehen-lassen

Zuletzt, gewissermaßen zusammenfassend, stand auf dem Programm „Absichtslosigkeit und Wahrnehmen“, das für ein grundsätzliches Gespräch gesorgt hat. Wir seien gewandert als, so Wolfgang Teichert, als  „Best Ager“. Die schätzen Verlässlichkeit, sie schätzen Harmonie, Solidarität. Individualismus und neueste Technologien sind ihnen eher suspekt. Wir seien mehrt Kilometer gewandert, als im Programm vorher angekündigt. Das habe wohl Velockungsgründe gehabt, weil man sich vielleicht abgeschreckt gefühlt hätte von der wahren Länge? Auf jeden Fall könnte alle Beteiligten sagen: Sie seien dabei gewesen und hätten diese Spaziergänge geschafft. Einige seien auch so vernünftig gewesen und hätten sich ein Fahrrad genommen. Und es sei viel gelacht worden dabei:

Lachen sei eine nur dem Menschen angeborene Verhaltensweise mit ausgeprägten physischen und psychischen Auswirkungen. Beim Lachen nämlich werden zahlreiche Muskeln betätigt. Man atmet stoßweise und tief ein, das Zwerchfell bewegt sich rhythmisch auf und ab, der ganze Körper wird bewegt. Lachanfälle können sogar einen Muskelkater auslösen, wenn man sich „den Bauch vor Lachen hält“. Der Kreislauf, die Lungenfunktion werden angeregt, erhöhte Sauerstoffaufnahme verbessert die Stoffwechselprozesse. Die Produktion von Stresshormonen wird reduziert, die von Glückshormonen erhöht. Das Immunsystem wird gestärkt. Lachen befreit von Depressionen, macht die Menschen offen für ein Miteinander und für die Welt außerhalb der eigenen Person.

Zur Absichtslosigkeit. Das sei ein Wort, das im alltäglichen Sprachgebrauch der meisten Menschen vermutlich gar nicht vorkommt. Alles was wir tun und sagen, folgt irgendeiner Intention, einer Absicht, einem Zweck und Ziel. Sonst bräuchten wir es ja gar nicht zu tun. Oder? Auf jeden Fall fühle sich dies Wort  irgendwie  leicht und unschuldig an, so frei und strahlend. „Ich sehe dabei vor meinem inneren Auge ein lustiges Wiesenblümchen, das sich weich und flexibel im Wind wiegt und seinen zarten, kaum wahrnehmbaren Duft verströmt. Dieses Blümchen hat nur eine Bestimmung: da zu sein. Vielleicht wird es nie von einer Menschenseele bemerkt, vielleicht wird es morgen umgemäht, vielleicht wird es von einer Kuh verspeist, oder vielleicht wird es von einem Kind gepflückt und landet mit anderen Blumen zusammen in einer Vase auf einer festlich gedeckten Kaffeetafel. Man weiß nicht, was mit ihm passiert. Aber man hat das Gefühl, was auch immer diesem Blümchen widerfährt, es ist in Ordnung.“

 Ja, so sei die Absichtslosigkeit: sie verwandelt alles, was sie berührt. Was von ihr durchdrungen ist, will nichts, ist nach allen Richtungen hin offen,ist einfach. Die Absichtslosigkeit sei eine mächtige Zauberin: sie vermag unseren Handlungen und Worten wieder ihre Unschuld zurück zu geben. Sie wäscht unser Tun rein von Motiven und Bedingungen, von den Verfärbungen unseres Ego. Sie bringt uns ins Herz und ins Jetzt. „Stellen Sie sich vor, Sie spielen ein Musikinstrument nicht, um eine perfekte Darbietung abzuliefern und bewundert zu werden, sondern einfach nur um des bezaubernden Klangs Willen. Absichtslos handeln kann man , wenn man das was man tut, gern und mit Liebe macht.“ Wr für einen Spaziergang keine wirkliche Begeisterung empfindet, wird nie aus Spaß an Bewegung und Spiel heraus agieren, sondern ihn nur ausüben, um … zu …. Ein Grund mehr, immer wieder zu überprüfen, ob das was wir tun, was wir denken, was wir sagen und was wir leben, wirklich noch stimmig ist und aus dem Herzen kommt.

Im übrigen rangiere dabei die Wahrnehmung vor der Wertung, denn nichts sei im Verstand, was nicht zuvor in der Wahrnehmung wäre. Also: Einfach losgehen, Jacke über, etwas festere Schuhe an die Füße und hinaus.

Spazierengehen, um für alles zu stehen, was man selber gesehen hat, eine Maxime, die in Zeiten des geliehenen Sehens, sprich der TV Kamera, ziemlich aktuell werden kann.  Eine eigene „Ansicht“ sich bilden,  hat mit selber Hingehen zu tun. Und - so  mein Deutschlehrer damals: Absichtslos  sollte man, „Spazierenschlendern“. Inspiriert war er – in den fünfziger Jahren – idealistisch vom „im Walde so vor sich Hingehen und nichts zu suchen“. Inzwischen weiß man, dass der Spaziergänger an der Ilm, seinen Text Christiane Vulpius nach 25 Jahre Zusammenlebens, gewidmet hat. „Gefunden“ hatte er sie beim Spazierengehen, als er über die Brücke über die Ilm in Richtung Weimar spazierte. Noch am selben Tag waren sie ein Liebespaar! So schnell kann Spazierengehen sein, wenn es –zumindest von einer Seite – absichtslos geschieht..

Aber kann ich mir  Absichtslosigkeit vornehmen? Kein Ziel, wie beim Pilgern, kein  Zweck wie beim Einkaufen, keine Übung, wie beim Sport?

 Mir fällt ein, dass ich vor einiger Zeit gehört habe, In den Werkendes Philosophen  Spinoza gebe es nur eine einzige Stelle, an der er sich der Muttersprache der sephardischen Juden bedient. Es handelte sich um eine Passage, in der Spinoza eine Handlung beschreiben wollte, in der aktiv und passiv ein und dieselbe Person sind. Um ein Beispiel dafür zu finden, sah sich Spinoza gezwungen, auf seine Muttersprache zurückzugreifen. Spazierengehen heißt in jenem Spanisch, das die Sepharden sprechen, pasearse - sich-promenieren, also den Spaziergang begreifen als ein Sich-spazieren-führen, ein Sich-gehen-lassen.

Ich gehe Spazieren, um mich gehen zu lassen. Ich werde mich also  gehen lassen, wenn ich gleich vor die Tür gehe. Wenn ich spazieren gehe und mich gehen lasse,, dann geschieht allerdings doch etwas,- so philosophiert ,spazierend  der Theologe Klaus Hemmerle.. Es passiere vielleicht nichts mit mir, der ich absichtslos mich gehen lasse, wohl aber mit der Landschaft, die ich begehe; die Landschaft zum Beispiel vor unserem Haus; immer entlang der Marsch-Geest Linie, am Abhang sozusagen, mit weitem Blick in die Elbmarsch. Wenn Du gehst, sagt Hemmerle, dann wird dieser Weg eine durch Dich begangene Landschaft, Landschaft, die Deine Spuren trägt – auch wenn diese Spuren äußerlich verwischen.

Anders gesagt:  Ich lasse eine Landschaft entstehen, weil sie meine Spuren trägt!  Ich kann später - wie jetzt - von dieser Landschaft erzählen, kann sie malen, vermittle von ihr ein neues Bild. Ich kann anderen sagen, wie man sie durchwandern soll. Begangene  Landschaft wird erschlossene Landschaft.

Sich gehen lassen also hat Folgen für das, was begangen wird. Aber für alles, auch in diesen Tagen, könnte gelten, was einst Friedrich Nietzsche gemeint hat:

So wenig als möglich sitzen;

keinem Gedanken Glauben schenken,

der nicht im Freien geboren ist

und bei freier Bewegung,

in der nicht nur die Muskeln ein Fest feiern.

 


Gernot Böhme. Hartmut Böhme. Feuer, Wasser, Erde, Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente. München 1996.Seite 275


Tageslosung für 19.07.18
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